„Shenzhen – eine Quelle der Hoffnung für die chinesische Wirtschaft“

 

Die Reaktion der chinesischen Mittelklasse auf den Wirtschaftswandel bereitet dem grossen China-Kenner Marc Laperrouza, Lehrbeauftragter an der EPFL, Sorgen, von der Dynamik, die einige Regionen und einige Sektoren – beispielsweise die Dienstleistungsbranche – an den Tag legen, ist er hingegen begeistert.

Im Schnitt verbringt er ein bis zwei Monate pro Jahr in China. Und in letzter Zeit öfter in Shenzhen als in Schanghai. Als Lehrbeauftragter an der EPFL nimmt er auch seine Studierenden mit. Mit scharfem Blick verfolgt er, wie Innovation in einer Wirtschaftsmacht gelebt wird, die ihren Aufstieg der Billigarbeit verdankt und die nun zu einem neuen Wirtschaftsmodell finden muss. Ein Gespräch anlässlich seines Referats, das er am 29. Juni am Finanzapéro in Lausanne gehalten hat.

Wie schätzen Sie die Wirtschaftslage Chinas heute ein?

Hinsichtlich der makroökonomischen Lage Chinas bin ich ziemlich pessimistisch. Die Regierung hat harte Entscheidungen getroffen – beispielsweise beim Kampf gegen die Korruption –, hat aber die grossen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen des Landes, wie die Verschuldung oder die Umweltproblematik, noch nicht richtig in Angriff genommen. Ich sehe mit Beunruhigung der Reaktion der gebildeten, reisefreudigen Mittelklasse entgegen, die das ganze Leben lang hart gearbeitet hat, wenn der erhoffte Return on Investment aufgrund der Wirtschaftslage nicht mehr erbracht werden kann. Ich denke dabei insbesondere auch an die „nackten Beamten“, diese Staatsangestellten, die ihre Frau und ihr Kind ins Ausland geschickt haben. Werden sie ihre Familie und ihr Vermögen im Ausland lassen? Werden sie ihre Funktion weiter ausüben?  Das Vertrauen in das Land und seine Institutionen bleibt der Schlüsselfaktor für eine ausgewogene Wirtschaftsentwicklung. Andererseits bin ich begeistert von der Dynamik, die in einigen Gegenden Chinas zu beobachten ist.

Marc Laperouzza
Marc Laperouzza ist ein scharfer Beobachter der Innovation in China

Wo zum Beispiel?

Da wäre insbesondere Shenzhen zu nennen. Inkubatoren und Makerspaces, diese Kreativwerkstätten, in denen die Technologien abgewandelt und neu kombiniert werden, schiessen hier wie Pilze aus dem Boden. Die Hardware (Räumlichkeiten, Maschinen usw.) ist vorhanden, aber mit der „Software“ (Projekte usw.) scheint es noch zu hapern.  Ich bin dennoch sehr optimistisch, denn die Lage wird sich ändern, und zwar rasch. Zum einen, weil sie gar keine andere Wahl haben, wenn sie nicht Gefangene einer stagnierenden Wirtschaft bleiben wollen. Zum anderen ist der Innovationswille auf mehreren, ja auf allen Ebenen spürbar.

Die Dezentralisierung ist also einer der Trümpfe Chinas?

Die Provinzen und Städte haben Macht, ja. Es gibt nicht ein China, sondern mehrere. Inspiriert vom benachbarten Hongkong hat Shenzhen das begriffen. Die Extreme treffen dort aufeinander. Wir haben in Shenzhen ein vollautomatisiertes Werk von Huawei sowie ein Werk von Foxconn, in dem 200 000 Angestellte arbeiten, besucht. Aber sogar in dieser zweiten Fabrik gibt es erste Roboter. Das auf billigen Arbeitskräften beruhende Wirtschaftsmodell der Jahre 1990−2000 läuft aus. Der strukturelle Wandel ist bereits voll im Gange. Und wenn die Firmen die Ressourcen nicht China finden können, kaufen sie europäische Unternehmen, die die benötigte Technologie besitzen, wie dies der Haushaltsgeräteriese Midea mit dem deutschen Industrieroboterhersteller Kuka beabsichtigt.

Sie sprechen vom Innovationswillen, wird der von der Regierung gefördert?

Am 8. Januar hat der Premierminister bei einem Besuch in Shenzhen drei Firmen besichtigt: den Telekom-Giganten Huawei, die Bank WeBank, die Online-Dienstleistungen anbietet, und Chai Huo, einen 60 m2 grossen Makerspace. Damit gab die Regierung das Signal, dass die Zeit für Innovationen und für die Förderung von Entrepreneurtum gekommen ist. Und die Leute ziehen mit. Unterschwellig klingt darin auch die Dringlichkeit dieses Wandels mit, denn der Staat vermag schon lange nicht mehr allen Bedürfnissen hinsichtlich der Beschäftigung nachzukommen. Nach dreissig Jahren Top-down-Innovation muss die Innovation jetzt von unten erfolgen.

Genügen für diese Innovation das chinesische Know-how und die heimischen Investitionen oder wird ein grosser Beitrag der Diaspora und des Auslands erwartet?

Die Zahl der chinesischen Studierenden, die in ihre Heimat zurückkehren, scheint anzusteigen. Für diesen Trend ist nicht allein die sich abkühlende Weltwirtschaft verantwortlich, er entspricht auch dem Willen der chinesischen Regierung, das Know-how wieder ins Land zurückzuholen. Die Wende hin zu einer Wirtschaft des Wissens kann ohne hochqualifiziertes Personal nicht gelingen. Zudem setzt der Übergang zu einer stärker auf den Binnenkonsum ausgerichteten Wirtschaft eine steigende Kaufkraft der Bevölkerung und damit die Schaffung von gut bezahlten, d.h. qualifizierten Arbeitsplätzen voraus. Die chinesische Regierung will erreichen, dass die Zahl der Akademiker/innen im Lande bis 2020 auf 50 Millionen steigt. Das bedeutet, dass pro Woche zwei Universitäten für je 20 000 Studierende eröffnet werden müssen, also zweimal die EPFL und die UNIL zusammengenommen. Allerdings wird der ganze Wandel mehr Zeit in Anspruch nehmen, heute können sich nämlich erst wenige chinesische Universitäten mit der europäischen oder amerikanischen Elite messen. Die Regierung muss – vor allem in einer alternden Bevölkerung – in erster Linie verhindern, dass die Besten das Land verlassen.

In welchen Bereichen profiliert sich das innovative China?

Die Regierung bezeichnet die Sektoren, in die investiert werden soll, aber die Privaten gehen auch dorthin, wo sich Gelegenheiten bieten. Die Nachfrage nach Dienstleistungen – hochwertigen und anderen – ist heute sehr hoch.  Für Dienstleistungsanbieter ist dies eine gute Schule, denn die chinesischen Konsumenten gehören zu den anspruchsvollsten der Welt. Ich empfehle westlichen Unternehmern oft, sich mal anzuschauen, was in China geschieht, denn man kann viel daraus lernen. Ein Beispiel: Die von WeChat angebotenen Dienste sind Twint oder Paymit weit voraus. Und nochmals: Was man nicht selber machen kann, kauft man ein, sei‘s Syngenta in der Sparte Pflanzenschutz oder der Club Med in der Tourismusbranche. Diesbezüglich stellen die Staatsunternehmen eine der grössten Schwächen der chinesischen Wirtschaft dar. Sie zapfen das Kapital an, das an die KMU, das eigentliche Rückgrat der chinesischen Wirtschaft, gehen sollte. Dieser Finanzmangel bremst die Expansion der KMU, ihre Innovationsfähigkeit und damit mittel- und langfristig die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.

Kann die chinesische Innovation wettbewerbsfähig sein?

Ich weiss nicht, wie viele chinesische Unternehmen sich in ihrem Geschäftsbereich weltweit werden durchsetzen können. Wie der Chef von Alibaba, Jack Ma, schon mehrmals betont hat, stellt nicht die Entwicklung im Ausland, sondern die Eroberung des Heimmarktes das Hauptziel dar. Treten chinesische Unternehmen in einen Wachstumsmarkt ein, kann man oft beobachten, dass das betreffende Produkt zur Massenware wird und die Preise einbrechen. Das jüngste Beispiel ist bemerkenswert. Der schnellste Supercomputer ist inzwischen durch und durch chinesisch, einschliesslich der Prozessoren, die bis anhin von Intel stammten. Es ist davon auszugehen, dass die Preise nun auch in diesem Sektor fallen werden, der an strategischer Bedeutung gewinnen könnte. Interessant ist zudem, dass das Forschungszentrum nicht in Peking oder Shenzhen, sondern in Wuxi steht, einer rund hundert Kilometer von Schanghai entfernt gelegenen 6-Millionen-Stadt, die früher für ihre Textilindustrie bekannt war.  Man kehrt zu den lokalen Möglichkeiten zurück, zu den Hoffnungsfunken, die dafür sorgen, dass die chinesische Wirtschaft von morgen kein vollkommen düstereres Bild abgibt.

 

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