In der Industrie 4.0 wird es immer mehr Selbständige geben

Der strukturelle Wandel des Arbeitsmarkts stelle nicht nur die Ökonomen, sondern auch die an der Sozialversicherungsreform beteiligten Personen vor zahlreiche Probleme, sagt der Ökonom und Essayist Beat Kappeler, der von der BCV als Redner für die Finanz’16 eingeladen wurde.

  • Macht Ihnen die industrielle Revolution, die derzeit im Gange ist, keine Angst? Weshalb?
  • Befürchten Sie nicht eine Zweiteilung der Welt in Arbeit mit grossem und sehr geringem Mehrwert?
  • Wie kann in dieser Revolution die Finanzierung der Sozialversicherungen sichergestellt werden?
  • Bleibt bei der Disintermediation der Wirtschaft noch ein Platz für Banken?

Industrie 4.0: immer mehr Selbständige

Der strukturelle Wandel des Arbeitsmarkts stelle nicht nur die Ökonomen, sondern auch die an der Sozialversicherungsreform beteiligten Personen vor zahlreiche Probleme, sagt der Ökonom und Essayist Beat Kappeler, der von der BCV als Redner für die Finanz’16 eingeladen wurde.

Dass der Gedanke an die neue industrielle Revolution mit ihrer Roboterarmee und App-Flut einige in Panik verfallen lässt, sorgt bei Beat Kappeler für Belustigung. Sogar an einem Morgen, an dem die Streichung mehrerer Tausend Schweizer Arbeitsplätze angekündigt wurde. An der Finanz’16 merkte er zudem an, dass er immer noch nicht verstehe, wie man von einem Tag auf den anderen dieselbe Arbeitsmenge mit 6000 Personen weniger bewältigen könne. Er äusserte vielmehr die Ansicht – und konnte sich dabei einige Spitzen auf die Wirtschaftsmächte und ihre Geldschwemme kaum verkneifen –, dass diese Stellen nicht bloss aufgrund der zunehmenden Automatisierung einiger Wirtschaftsbranchen gestrichen wurden.

finanz03

Die Zukunft verheisst Gutes

Beat Kappeler spricht von dieser x-ten industriellen Revolution nicht mit naiver Begeisterung, sondern mit der ruhigen Gewissheit, dass daraus etwas Gutes entstehen wird. Ganz ohne Mühe und Anstrengung werde es zwar nicht gehen, aber die neuen Arbeitsformen „dürften immer interessanter, auch intellektueller sein“ als diejenigen, die wegfallen“. Er kritisiert die allzu technikfixierten Katastrophenautoren. Sie würden vergessen, dass für die Erzeugung und spätere Anwendung neuer Techniken auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden müssten und dass immer auch vom Menschen erbrachte Dienstleistungen benötigt würden, selbst wenn sich diese ändern sollten. So glaubt er zum Beispiel nicht, dass ein Roboter in der Lage sei, einen Altenpfleger vollwertig zu ersetzen. Als weiteres Beispiel nennt er das selbstfahrende Auto – und weist darauf hin, dass das Unfallrisiko bislang nicht vollständig eliminiert werden konnte. Zunächst brauche es Menschen, die solche Autos erfinden, produzieren, überwachen und die hierfür nötige Infrastruktur schaffen, damit sich die Menschen treffen können, um zusammen zu sprechen und Ideen auszutauschen, ganz so wie an der Finanz’16. Crowdfunding, elektronische Börsen und sonstiger E-Commerce sind angewiesen auf menschliche Kontakte, Rechts- und Vertragskundige, Finanzierer, die einen grossen Kapitalbedarf abdecken können, usw.

Amerikanisches Problem

Die Schwarzmalerei, die Beat Kappeler anprangert, erreicht uns oft aus Amerika. Der US-Arbeitsmarkt ist jedoch „aus den Fugen geraten“, was die Angst vor den Robotern verstärkt. Die Arbeitslosenrate konnte in den USA zwar auf gut 5% gesenkt werden, aber es gehen nur 62,6% der 16- bis 64-Jährigen einer Arbeit nach, in der Schweiz sind es über 83%. Was das für die Finanzierung der Sozialversicherungen bedeutet, kann man sich leicht vorstellen. Und nach Beat Kappelers Ansicht ist das nicht der einzige Negativpunkt des US-Arbeitsmarkts. Er weist auch auf das Bildungsniveau und die Verschuldung der Jungen hin. Auch in Europa gebe es einige Barrieren, vor allem weil die europäische Gesetzgebung auf eine Arbeitsorganisation in traditionellen Unternehmen des vordigitalen Zeitalters zugeschnitten sei. Es sei daher fraglich, ob sie an eine Wirtschaft angepasst werden könne, in der die Zahl der Selbständigen stetig steige. Denn eine der grossen Herausforderungen bestehe seiner Meinung nach eben gerade in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Integration dieses wachsenden Anteils an Selbständigen, die Dienstleistungen jeglicher Art anbieten.

Keine Barrieren

Eine weitere Problematik, die es zu beobachten gilt, ist die Auswirkung der technologischen Entwicklung auf die Preise entlang der Wertschöpfungskette. „Das war schon in der weltweiten Deflation 1873−1896 so, als die Preise insgesamt um 40% sanken. Gleichzeitig fand der grösste Aufschwung des Industriezeitalters statt (eine glückliche Deflation ...). Heute könnte sie sich wiederholen – es kommt also darauf an, keine Schulden zu haben, dann schaden nominell sinkende Umsätze und Gewinne nicht – diese haben ihrerseits wieder mehr Kaufkraft. Aber die keynesianische Nachfrage-Ankurbelung mit Geld und Defiziten des alten Industriezeitalters ist damit ihrerseits vorbei. Die Notenbanken haben es noch nicht gemerkt.“

Die „weichen Bedingungen“ würden oft viel stärker auf den Arbeitsmarkt einwirken als technische Revolutionen

Beat Kappeler

finanz01

Die „weichen Bedingungen“ würden oft viel stärker auf den Arbeitsmarkt einwirken als technische Revolutionen, betont Beat Kappeler. Und von diesen „weichen Bedingungen“ hänge es ab, ob sich neue Arbeitsformen etablierten oder nicht. Bei einigen werde das erst nach Umwegen der Fall sein und andere würden sich gar nicht durchsetzen, räumt er ein. Damit das möglich sei, dürfe aber „nicht gleich alles Neue verboten oder besteuert“ werden. Flexibilität lautet seine Devise.

Revolution der Vorsorge

Wenn es einen Bereich gebe, in dem diese neue Ökonomie grosse Wirkungen entfalten werde, so sei das derjenige der Sozialversicherungen, meint Beat Kappeler und sagt voraus, dass ein stetig wachsender Anteil am BIP aus Arbeit stammen werde, die nicht mehr erfasst und besteuert werden könne wie heute die Arbeit von Lohnbezügern. Die Selbständigen einfach auszuschliessen, wie heute bei der Arbeitslosenkasse und der 2. Säule der Altersvorsorge, komme daher nicht mehr in Frage. Bei der Altersvorsorge müsse vom Umverteilungssystem zur vollen Kapitalisierung übergegangen werden, meint er und bevor er sich verabschiedet, bemerkt er mit seinem typischen Lächeln auf den Lippen noch, dass dies für die Geschäfte der Messeaussteller nicht eben förderlich wäre.

Bitte lesen Sie zuerst die Nutzungsbedingungen der Website und die Nutzungsbedingungen der elektronischen Post.
© 2002-2022 Banque Cantonale Vaudoise, alle Rechte vorbehalten.