Besserer ESG-Score heisst nicht schlechtere Performance

Ganz gleich, ob Smart-Beta- oder passive Strategie – wer seinem Portfolio einen nachhaltigeren Anstrich verpassen möchte, muss bei keinem dieser beiden derzeit sehr beliebten Ansätze Kompromisse bei der Performance eingehen.

Nachhaltiges Anlegen und Risikoprämien sind in aller Munde. Doch wie verhalten sie sich zueinander? Diese Frage, die übrigens auch an der BCV‑Investorenkonferenz von Ende Oktober in Zürich erörtert wurde, stand im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Studie der beiden Professoren der Universität Lausanne Eric Jondeau und Fabio Alessandrini. Letzterer leitet zudem den Bereich Quantitative & Alternative Investments bei der BCV. Die Studie untersuchte, welche Auswirkungen die Anwendung eines ESG-Filters auf verschiedene Portfolios über einen Zeitraum von zehn Jahren gehabt hätte.

Dass die Risikoprämien in den Fokus der Anleger gerückt sind, hängt zum einen mit der für das Tiefzinsumfeld typischen Renditesuche, zum anderen mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung zusammen. So wurde unter den verschiedenen Anlageklassen eine Reihe von Faktoren identifiziert, die als individuelle Renditequellen fungieren. Zwar gibt es mehrere Hunderte solcher Faktoren, doch einige von ihnen werden besonders häufig verwendet, z. B. die Faktoren Value, Size, Carry und Momentum. Was bedeutet es für das Factor Investing, wenn ESG-Kriterien miteinbezogen werden? Wird die Wirkung der Faktoren gedämpft oder möglicherweise sogar verstärkt?

Im Rahmen der Studie wurden zunächst verschiedene ESG-Filter auf ein Standardportfolio angewandt, um ihre Auswirkungen über einen Zeitraum von zehn Jahren zu messen. Dabei zeigte sich, dass die schrittweise Einbindung von ESG-Kriterien über den untersuchten Zeitraum hinweg zu einer Verbesserung des Nachhaltigkeitsscores führte, ohne die Gesamtperformance zu beeinträchtigen. Dahingegen waren Verschiebungen bei der Unternehmensgrösse, den Regionen und den Sektoren zu beobachten.

Im Grossen und Ganzen erhöhte sich die Gewichtung von Gross-, IT- und in der EU ansässigen Unternehmen zulasten von kleinen, Energie- und US-Firmen. Die Verschiebung auf regionaler Ebene ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Europa strengere Nachhaltigkeitsvorschriften kennt als die USA oder die Schwellenländer. Dass zudem die Grossunternehmen stärker vertreten sind, hängt wiederum damit zusammen, dass sie über die zur Umsetzung von Nachhaltigkeitskriterien nötigen Strukturen verfügen und dadurch in puncto ESG besser abschneiden. Die Portfolioqualität, insbesondere die Portfolioperformance, litt in keiner Weise unter den erwähnten Verschiebungen, was sich unter anderem mit den Markttrends im Untersuchungszeitraum erklären lässt. So war die Beobachtungsperiode für die Technologiefirmen besonders erfreulich, für die Energieunternehmen dagegen weniger.

In einem zweiten Schritt wurde der ESG-Filter auf Smart-Beta-Strategien mit verschiedenen Faktor-Risikoprämien wie Size, Low Beta, High Yield, Value etc. angewendet. Auch in diesem Fall kann sich der ESG-Score verbessern, ohne der Performance zu schaden. Besser noch: Bei bestimmten Smart-Beta-Strategien wirkt sich die Einbeziehung von ESG-Kriterien noch positiver aus als bei den passiven Strategien und schlägt sich gar in einer höheren Sharpe-Ratio, sprich einer besseren risikoadjustierten Rendite nieder. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass die Volatilität mit steigendem ESG-Score abnimmt.

Bei den verschiedenen Smart-Beta-Strategien führte der ESG-Filter zwar – wie beim Standardportfolio – insgesamt ebenfalls zu Verschiebungen bei der Unternehmensgrösse, den Regionen und den Sektoren; diese fielen je nach gewähltem Faktor jedoch unterschiedlich stark aus. Wenn die Berücksichtigung von ESG-Kriterien über den Ausschluss von kontroversen Titeln oder Sektoren erfolgt, dann bleibt der Faktor im Grossen und Ganzen zwar dominant; dies allerdings in etwas abgeschwächter Form, was durch den höheren ESG-Score aber offenbar kompensiert werden kann.

Wie geht man mit diesen Erkenntnissen am besten um? Die Lösung besteht darin, die Allokation des Portfolios so anzupassen, dass die ESG-Komponente mit den übrigen Eigenschaften des Portfolios wie Risikotoleranz, Transaktionskosten oder auch Tracking Error in Einklang steht. Dabei hilft die aus der Studie gewonnene Erkenntnis, dass ein besserer ESG-Score keine Kompromisse in Sachen risikoadjustierte Rendite erfordert. Die Universität Lausanne hat übrigens ein Tool entwickelt, mit dem sich die Auswirkungen eines ESG-Filters auf ein Portfolio simulieren lassen.

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie wurden publiziert in: «ESG Investing: From Sin Stocks to Smart Beta», Fabio Alessandrini, Éric Jondeau, SFI Research Paper Series N° 19-16.

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